Interview: Entscheidung selbst getroffen

Du hattest eine schwere Entscheidung in deinem Leben und musstest dich zwischen Vater – Mutter entscheiden. Hast dich dann aber ganz anders entschieden… Du bist die Freundin von Karo, einer sehbehinderten Frau (Interview: Die Welt ohne Augen betrachtet) während du vollkommen normal und gut sehen kannst. Erzähl uns doch bitte ein bisschen darüber…

Felix, du bist der Freund von Karo und bereits über 1 Jahr mit ihr zusammen. Wie kommst du damit klar, dass du jünger bist als Karo und mit dem Altersunterschied von 5 Jahren?
Karo hatte damals gesagt: „Mir kommt nie ein Jüngerer ins Haus“. Ich bin die erste Ausnahme. Für mich ist das aber egal, ich achte hier nie auf das Alter, für mich zählt allein die Liebe. Es sind nur 5 Jahre Unterschied, und Zeit; kann schön sein oder schnell vergehen. Auch hatte ich eigentlich schon immer ältere Freundinnen.

[paypal email=”post@rentatobi.de”]Was sind die Besonderheiten in eurer Beziehung mit einer Freundin wie Karo, die Sehbehindert ist?
Ich glaube man kann mehr Unfug machen. Man hat einen anderen Blickwinkel auf die Sachen. Man lernt wieder, auf mehr zu achten, Anders, sich gegenüber behinderten Menschen zu verhalten. Wenn ich zum Beispiel ihren Behinderten Stock klaue und damit durch die Stadt renne. „Oh, Entschuldigung ich habe sie nicht gesehen.“ (Anmerkung: Man muss wissen, Felix kann sehr gut sehen und hat keine Einschränkungen.)
Man lernt mehr auf den Anderen acht zu geben und mehr Verantwortung. Zum Beispiel wenn man Tandem fährt – man hat hier mehr Verantwortung und Achtsamkeit.

Aber es dauert länger einzukaufen. Denn dort muss ich ihr die Sachen erklären und ihr „vermitteln“ was ich sehe. Als Sehender geht es schneller. Man muss Wege präziser erklären. Es ist schwierig wenn Sie auf Toilette gehen muss, z.B. bei Gaststätten. Da ich ja schlecht mit auf die Frauentoilette gehen kann. Es ist somit auch sehr schwer den Weg ihr zu erklären. Bis zur Tür schaffe ich das noch, dann müsste eine weibliche Person mit gehen. Wenn wir weg gehen und ein Sehendes Pärchen dabei haben, ist das natürlich perfekt. Sonst verdrückt sie es sich vielleicht auch ab und zu.

Ist es für Dich außergewöhnlich, mit Karo zusammen zu sein?
Nein, es ist ziemlich normal, am Anfang ist es eine gewisse Umstellung. Weil man öfters an mehrere Sachen denken muss. In diesem halben Jahr habe ich mich schon daran gewöhnt, dass es keinen Unterschied für mich macht ob ich mit Sehenden oder Nichtsehenden unterwegs bin. Ich hatte schon immer mit Sehbehinderten zu tun. Da ich ja auch im sozialen Bereich tätig bin. Auch mein Umfeld, zum Beispiel mein bester Freund, ist ein ehrlicher Typ und hat sie mit offenen Armen empfangen und akzeptiert sie voll und ganz.

Wie hat es bei euch angefangen?
Bei uns war es kein Horror Film und bis jetzt haben wir auch gar keinen gesehen. Wir sind viel ins Gespräch gekommen über unseren Beruf, da haben wir den gleichen. Ich habe sie dann zum gemeinsamem Kletten eingeladen. In dem Moment habe ich nicht soweit gedacht, dass sie Sehbehindert ist. Da wo ich klettern gehe, klettern wir nach Farben. Das war somit schwierig und dass andere Leute sie auslachen könnten, davor hatte sie Angst. Ich habe ihr dann mit Worten viel geholfen und mit Klopfzeichen. (Anmerkung: Denn Sehbehinderte verlassen sich sehr stark auf ihr Gehör.) Das muss man sich so vorstellen, ich stehe hinter ihr, und halte Sie an der Wand. Wenn sie dann soweit über mir ist das ich sie nicht mehr halten kann, dann kletter ich ihr nicht direkt hinterher, da ich dann unter ihr bin. Ich bin dann im Bogen um ihr gelaufen um ihr weiter, den Blick für die Griffe von unten zuzurufen. Ich bin dann seitlich hinterher geklettert um ihr Signale und eben die Klopfzeichen dazu geben. Will mir gar nicht vorstellen was die anderen von mir gedacht haben.

Wer bestellt die Pizza von euch beiden?
(Lacht) Kommt drauf an, wenn es telefonisch ist macht Karo es. Gemeinsam aussuchen tun wir es logischerweise. Es gibt so viele Internet Seiten wo man online bestellen kann, aber wir machen es irgendwie doch noch telefonisch. Ich mag es nicht wenn ich telefonisch etwas bestelle, also übernimmt das sie. Aber ich mach es schon auch ab und zu.

Was würdest du zuhause jetzt machen und warum hast du dich für ein Leben in der WG entschieden?
In meinem Bett liegen. Serien schauen. DMAX (Fernsehsender oder Männersender), Alaska Goldrausch. Amerikaner versuchen Gold zu finden und möglichst viel Geld daraus zu bekommen. Survivals Dokus, habe ich alle schon durch. Unter der Woche bin ich meist in meinem Bett oder unterwegs. Mit Freunden treffen oder klettern (Bouldern) gehen.

Früher habe ich im Internat gelebt und finde das Zusammenleben mit Menschen ziemlich cool. Natürlich ist der Nebeneffekt die finanzielle Seite. Ich habe 2 Mitbewohner. Die ich nicht so viel sehe. Es gibt mir die Freiheit und die Sicherheit wenn ich zum quatschen jemanden brauche, ist jemand da.

Gibt es etwas das du in deinem Leben bereust?
Auf jeden Fall, ich hätte einiges im Leben besser machen können. Ich habe mal per Telefon eine Beziehung beendet. Denn 8 Stunden zu einem anderen Internat zu fahren, nur um mit seiner Freundin (2 Jahre zusammen) Schluss zu machen, dafür war der Weg für mich einfach zu weit.

Du bist kurz vor Abschluss des Physiotherapeuten, warum soll es dieser Beruf werden?
Mit 3 Jahren war das schon klar, denn da habe ich angefangen zu massieren. Da wollte ich Masseur werden. Im Kindergarten haben wir uns immer gegenseitig massiert um besser einschlafen zu können, das habe ich mit nach Hause genommen. Und dort weiter massiert und mit der Zeit auch darauf geachtet und daran gearbeitet ein besseres Gespür für meine Finger zu bekommen. Bereits mit 7 Jahren habe ich mein erstes Praktikum als Physiotherapeut gemacht. Deshalb bin ich dabei geblieben, mittlerweile spüre ich auch deutlich mehr mit den Fingern bzw. kann mir dies vorstellen.

Meine Mutter zum Beispiel hat viele Schmerzmedikamente genommen und hat sich jeden Tag 2 Kopfschmerztabletten eingeworfen. Es gibt einen Grund dass der Körper etwas signalisiert. Ich höre deshalb auf meinen Körper, es kommt auch ein wenig durch meinen Beruf. Zum Beispiel, beim Thema Kopfschmerzen. Da warte ich schon mindestens 3 Tage und überlege mir erst dann ob ich zu einer Kopfschmerztablette greife. Denn erst mal suche ich die Ursachen dafür. Denn alles im Körper oder alles was der Körper einem signalisiert, gibt es einen Grund dafür. Wahrscheinlich habe ich zu wenig getrunken. Ursache kommt zur Lösung und meist ist sind dann die Kopfschmerzen dann auch vorbei. Deshalb trinke ich dann etwas und lege mich meist in mein Bett.

Wie hast du deine Kindheit erlebt?
Ich hatte eine relativ schöne Kindheit. Ich habe noch einen Bruder und hatte immer das Gefühl das mein Bruder bevorzugt wurde. Ich war schon als Kleinkind immer mehr an meinen Vater gebunden und das bessere Verhältnis.

Wann haben sich deine Eltern getrennt? Hast du davon viel mitbekommen?
5 Jahre war ich alt. Bei uns war es eine gerichtliche Scheidung und wir wurden gefragt vom Richter wo wir hinmöchten. Zur Mutter oder zum Vater, mein Bruder wollte zur Mutter. Ich wollte aber nicht mich von meinem Bruder trennen und habe mich deshalb für meine Mutter entschieden. Aber schon als Baby hatte ich ein besseres Verhältnis zu meinem Dad.

Woher willst du das wissen bzw. wie kannst du das beurteilen?
Als Kind hatte ich eine Lungenentzündung und mein Vater ist von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren und hat mich mit der Milch von der Mutter gefüttert. Nach der Trennung meiner Eltern und als ich mich eben für meine Mutter entschieden habe. Meinen Papa habe ich alle 14 Tage gesehen, mit einer klassischen Ferientrennung. Mit 14 Jahren, habe ich häufiger etwas mit meinem Dad gemacht (Anmerkung: So nennt Felix seinen leiblichen Papa häufig). Also eben auch unter der Woche und nicht nur am Wochenende. Aber das Verhältnis mit meiner Mutter ist in der Zeit, als ich bei meiner Mutter war einfach sehr gestört geworden oder eben kaputt gegangen. 3 Jahre nach der Trennung ist das Verhältnis zu meinem Bruder gekippt. Durch die Bevorzugung des Bruders bei meiner Mutter. Eifersüchtig war ich zutiefst auf meinen Bruder und ich habe immer versucht meiner Mutter alles Recht zu machen. Von den Streitigkeiten meiner Eltern habe ich nicht alles mitbekommen. Ich kann mich erinnern, dass sie sich Gegenseitig einmal geschubst hatten. Ich habe die Thematik des Streits habe ich nicht verstanden und bis heute nicht verstehe, deshalb hatte ich auch die Situation nicht verstanden. Wir hatten ja ein Einfamilienhaus und ich habe öfters gehört dass sie sich gestritten haben. Aber als Fünfjähriger konnte ich natürlich nicht denn Ausmaß beurteilen.

Du bist als Kind ins Heim gekommen, warum und wie war diese Zeit im Heim?
Mit 15 Jahren bin ich ins Internat gekommen, ich wollte es meinem Bruder nachmachen. Durfte es selbst entscheiden und habe mich dann aufgrund meiner schulischen Leistung dafür entschieden. Eine strenge Mutter zu Hause, das machte mir die Entscheidung dann doch recht leicht. Ich wollte aber definitiv nicht auf das gleiche, das mein Bruder besuchte. Es gab einen Frauentrakt der mit 3 Türen verriegelt oder abgeschottet war und einen Jungstrakt mit einer Tür. In der Schule waren wir gemischt und beim Essen waren wir wieder getrennt. Es gab einen Frauenessensraum und einen Männeressensraum. Wir waren zu dritt auf dem Zimmer und immer gleichgeschlechtlich. Es gab in Unregelmäßigen Abständen auch Kontrollen, unserer Zimmer um zu überprüfen ob Alkohol, Drogen und Zigaretten auf dem Zimmer vorhanden waren. Hier mussten wir dann länger im Essensraum bleiben. Ich habe nebenbei auf freiwilliger Basis in der Cafeteria ausgeholfen. Kaffee durften nur Schüler der 10. und 11. Klasse trinken und durfte von mir auch nur an diese ausgeschenkt werden. Sonst habe ich Limo, Wasser und Snacks ausgegeben. Dort war auch ein Billard Tisch, Fernseher, Sofas. In der Zeit hat man sich kennengelernt. Da hatte ich auch eine Freundin kennengelernt, die 2 Jahre älter war als ich. Durch die Cafeteria oder dem Schlossgarten, kamst du auch in Kontakt zu den anderen Klassen und somit auch zu meiner zukünftigen Freundin. Eigentlich hatte keiner so richtig die Initiative ergriffen, irgendwie ging es in einander und wir sind zusammengekommen. Wir waren eines Tages allein in der Cafeteria und lagen Arm in Arm im Sofa und haben einen Film geschaut. Es haben viele Außenstehende schon gesagt das wir eigentlich schon zusammen seien, da wir ja so viel Zeit miteinander verbrachten. Aber an diesem Abend haben wir uns geküsst. In diesem Moment kam ein Betreuer rein, „ih, da beissen sich zwei“, als Spass. Küssen war aber noch erlaubt mehr aber auch nicht. Es gab genau 3 Orte zum möglichen vögeln: Die Cafeteria, die Turnhalle und eine verstaubte Abstellkammer des Hausmeisters. Also wohin? Denn auf das Zimmer konnten wir nicht gehen. Die Möglichkeit hätte schon bestanden, aber der Betreuer war nicht weit entfernt. Denn es gab auch außerhalb der Schulzeit Verweise. Wenn man also dort erwischt werden würde gäbe es empfindliche Strafen. Es kam dazu dass wir beide in der Öffnungszeit der Cafeteria uns entkleidet hatten. Ich hatte einen Schlüssel für diese, da ich dort ja ausgeholfen hatte und wir waren hinter dem Tresen. Ich war nur noch mit einem T-Shirt bekleidet, als auf einmal der neue Betreuer rein kam, es ist dann nicht mehr viel gelaufen. Der Betreuer war relativ neu und hatte das mit den Regeln noch nicht so ganz auf seinem Tacho. Deshalb hatte er „nichts gesehen“ und so zogen wir uns beide wieder an.

Immer am Wochenende wenn alle „Ausgang“ hatten, also zu ihren Eltern diese besuchen fahren konnten. Dann haben wir es versucht und natürlich hatte uns beim fummeln, ein Betreuer erwischt. Beide dachten sie bekämen nun dicken Anschiss, aber er sagte nur „wenn ich an eurer Stelle wäre und wüsste in welche Richtung ich gerade laufe, würde ich die andere Richtung bevorzugen“. Also drehten sich beide um und machten dort weiter, wo sie aufgehört hatten.

Man hatte am Tag eine Stunde Freizeit (das war das längste, Kurzpausen gab es auch), du warst verpflichtet im Rest Essen zu gehen oder in den Unterricht. Nach dem Abendessen hattest du aber auch noch mal rund eine Stunde Freizeit. Danach musste man sich fertig machen und ins Bett. Der Betreuer hat dann die Handys eingesammelt und kontrolliert dass du im Bett liegst und dass alle Vollständig im Zimmer anwesend sind und das Zimmer ordentlich war. Wenn dies nicht der Fall war, musste das Zimmer noch aufgeräumt werden.

Mit 16 Jahren hatte ich einen extremen Ausrutscher im Bereich Alkohol und hatte 2,6 Promille. Ich hatte nur hartes Zeug gesoffen, in dieser Situation war mein Bruder für mich da. Mein Bruder war nur 2 Jahre älter als ich. Aufgrund der Pubertät, der Langeweile und des gemeinsamen Leidensweg (für viele war es ein Problem lange weg zu sein von der Familie oder aufgrund des Mitbewohners) hat man oft zu Alkohol gegriffen.

Was hast du vermisst wo du dort warst?
Internet, hat mir gefehlt. Weil es war ein Elite Internat. Handy durfte man mitnehmen, aber nur nach der Schulzeit nutzen. Und für ein Notebook, gab es Wochentags Zeitfenster. Maximale Ausgangszeit war eine Stunde. Es gab Schulkleidung, du konntest wählen zwischen weiß oder blau bei einem Poloshirt, mit Symbol des Internats. Ein Hemd konnte man auch bestellen, weiß, für spezielle Anlässe. Zwei Farben und eben das ganze Jahr lang. Das ist schon etwas anders.

Anmerkung:
Felix ist ein fröhlicher und aufgeweckter junger Mann. Ich habe ihn auch als herzlich und offen kennengelernt. Das finde ich auch ganz toll. Wo andere Männer (besonders die, der älteren Generation, unvorstellbar) ein Problem damit haben, ist ja wenn man sie umarmt, ist Felix die neue Generation.
Lieben Dank!
[/paypal]

guest
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments
nach oben